Was ist ein Dirigent? Oder, was sollte er bestenfalls sein? Schräg unter ihm liegt meist die Partitur, das musikalische Drehbuch. So ist sie noch keine Musik. Dazu wird sie erst durch Vermittlung des Musikers, der aus seinem Instrument das Nötige und Bestmögliche herauszuholen vermag. Aufgabe des Dirigenten sollte es demnach sein, die Orchestermitglieder so zu animieren, dass sie gemeinschaftlich gewillt sind, die der Partitur innewohnende musikalische Idee klanglich zu realisieren.
Dazu bedarf das Orchester einerseits energischer und musikalisch nachvollziehbarer Anleitung und andererseits gerade so viel Freiraums, um die animierenden und inspirierenden Vorgaben des Dirigenten durch optimale Leistung zu beantworten und - in letzter Konsequenz - der musikalischen Verwirklichung einer Komposition zu dienen.
Nun wandeln auf den Pflastern der Realität aber leider Dirigenten, die zwar schlagtechnisch größtmögliche Perfektion erreicht und sich erfolgreich durch den gepunkteten Dschungel einer Partitur gefunden haben, jedoch das motivierteste Orchester hinter einer ideellen Zwischenwand aus erzwungener Autorität, gehemmt starren Körpersignalen und in sich gekehrtem Blick verhungern lassen. Kein Wunder, dass so viele Berufsorchester dann mehr Dienst nach Vorschrift als lebendige Musik machen.

Die Wurzeln dieses Missstands liegen meist schon in der einseitigen Ausbildung des Dirigenten. Da gilt es Partituren zu büffeln und mit Hilfe eines Klavierduos als Orchesterersatz die technischen Voraussetzungen des Berufs zu verinnerlichen. In jedem Fall ist im Lehrplan kaum bis gar nicht die Rede von der Wichtigkeit des Schaffens einer Atmosphäre, in der Dirigent und Orchester zu wirklichem Austausch gelangen können. Doch nur so kann doch Proben und Musizieren gemeint sein, kann der musikalische Funke eines Werks letztlich auf den Zuhörer überspringen.
Diese Lücke zu schließen bemühte sich die am 1. und 2. Dezember im Studiosaal der Hanns Eisler Musikhochschule in Berlin stattgefundene Dirigenten-Werkstatt "Interaktion". Wie der Name bereits vorgibt, sollten in geschütztem Rahmen unter Ausschluss einer wertenden Öffentlichkeit und ohne den Konkurrenzdruck eines Abschlusskonzerts die Möglichkeiten einer fruchtbaren Kommunikation zwischen Dirigent und Orchester abgetastet werden. Bei der bekannten Förderveranstaltung "Dirigentenforum des Deutschen Musikrats" und ähnlichen Projekten steht auf der einen Seite der Dirigierschüler unter dem kritischen Dauerbeschuss eines gutmeinenden Lehrers und auf der anderen Seite ein zweckdienliches Orchester. Hier indes war jedes Orchestermitglied dazu aufgerufen, als rückmeldender Pädagoge zu fungieren. Zusätzlich stand der hauseigene Dirigierprofessor Christian Ehwald unaufdringlich beratend zur Verfügung.
Unter dem vorbildlichen Management von Klaus Harnisch, der die Herbert-von-Karajan-Stiftung erfolgreich zu einer eben die Kosten deckenden Spende überreden konnte, fanden sich renommierte Berufsmusiker aus den Orchestern der Deutschen und Komischen Oper, des Berliner Sinfonie-Orchesters und Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin, der Berliner Philharmoniker bis hin zum ersten Geiger der Staatskapelle Dresden, um nur einige zu nennen, zusammen, um ehrenamtlich (!) das innovative Vorhaben zu realisieren.
Von einer Jury wurden sechs junge Dirigenten (Jahrgänge zwischen 1969 und 1981) ausgewählt, die zwei Tage lang die Möglichkeit genießen durften, von wahrlich hochkarätigen und erfahrenen Orchestermusikern konstruktiv kritisiert und anhand der musikalischen Umsetzung der Dirigiervorgaben gespiegelt zu werden - immer unter der Prämisse, den Dirigenten damit zu fördern und nicht zu entmutigen.
Auf dem Programm standen hierfür Highlights wie die Zauberflöten-Ouvertüre, Wagners Siegfried-Idyll, das Finale der 6. Sinfonie von Tschaikowsky, Schuberts 1. Satz seiner "Unvollendeten", 3. Satz von Schumanns Vierter, 4. Satz von Brahms' Erster und Straußens Kaiserwalzer. In Etappen von je 25 bzw. 50 Minuten wechselten die jungen Dirigenten das Pult, um teilweise berauscht in den wunderbaren Orchesterklang einzutauchen, aber vor allem auch, um sich Kommentaren zu stellen wie: "Schnippen und An-die-Decke-schauen sind Unarten, da sind Sie sofort unten durch", "Wenn Sie mich vor dem düsteren Tschaikowsky-Finale anlächeln, ist das tödlich".

Die häufigste Kritik bezog sich allerdings auf fehlenden Blick- und somit menschlichen Kontakt zwischen Dirigent und Orchestermusiker, zu wenig Führungsmut und Inspiration, schwammige Schläge ohne Punkt, die den Bläsern einen korrekten Einsatz unmöglich machen, verhärtete oder unpassende Körpersignale, die den musikalischen Fluss unterbinden, oder das Ausweichen auf mündliche Ansagen aufgrund mangelnder gestischer Deutlichkeit und Gewandtheit des Dirigenten.
Nicht nur die durchweg begabten und charakterlich interessanterweise sehr unterschiedlichen jungen Dirigenten profitierten von dieser Art der Interaktion. Auch aus den Reihen des kleinen Rumpforchesters sprang Begeisterung für den unverkrampften und ehrlichen Austausch zwischen Musiker und Dirigent. Denn auch den meisten Orchestermitgliedern konnte so erst bewusst werden, warum ihr Spiel unter der Führung des einen erblüht und sich unter dem anderen als so schwerfällig und unerfreulich erweist; welche Art des Verständlichmachens einem Dirigenten zur Verfügung steht und welchen Stellenwert selbstverständlich erforderliche, aber teilweise inspirationsschädigende technische Präzision neben animierendem menschlichen Kontakt einnimmt.
Nach zwei Tagen konzentrierter Arbeit konnte ich keinerlei Ermüdungserscheinungen auf den stattdessen hoffnungsfrohen Gesichtern der Mitwirkenden erkennen. Diesem Eindruck bleibt nur hinzuzufügen, dass dies ein Projekt war, das seinesgleichen sucht. Voraussetzung für ein Weiterführen solcher Aktion ist allerdings finanzielle Unterstützung. Doch wenn es den so genannten Musikfreunden und Förderern wirklich um die Erhaltung bzw. eine effiziente Auffrischung der orchestralen Musiklandschaft geht, so dürften diese sich spätestens jetzt dazu aufgerufen fühlen, ihre pekuniären Mittel in solch befruchtende Bahnen zu lenken.
Kathrin Feldmann_Das Orchester_2/2003